2010-11-28 Kurs in Finnland

altAutos, Busse, Tankwagen und Traktoren fahren vor mir vorbei. Flugzeuge werden enteist, betankt und beladen. Zwischendurch starten immer wieder Maschinen. Auf dem Flughafengelände von Helsinki ist ein Treiben wie auf einem Ameisenhaufen.

Ich habe den Eindruck, als wenn hier ständig Maschinen landen oder starten. Vielleicht sogar im Minutentakt. Und ich habe einen Logenplatz. Ich sitze an einem Tresen mit dem Blick direkt auf den Flughafen und versuche mich auf das letzte Wochenende zu konzentrieren.
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Ich war / bin in Finnland und habe zum ersten Mal im Ausland einen Anfänger- und Fortgeschrittenenkurs gleichzeitig durchgeführt. Zuerst kam 2009 eine Anfrage aus Russland, dann 2010 aus Rumänien und durch einen großen Zufall nun wieder in 2010 auch aus Finnland. Und die Reise nach Finnland fing eigentlich mit einem Festival im Luftschmieden an.

Dass die Finnen ein ganz besonderes Völkchen sind, kann man mit Sicherheit behaupten. Sie haben das beste Schulsystem und überzeugen bei jeder Pisastudie, fahren die ältesten Autos Europas und haben weltweit die zweithöchste Selbstmordrate, gleich nach den Japanern. (Vielleicht hilft Bildung nicht immer…?) Und die bevorzugte Selbstmordart ist wahrscheinlich Erschießen mit dem eigenen Jagdgewehr. Eigentlich kein Wunder für ein Land, dass so weit nördlich liegt, dass die nördlichen Teile sogar ein paar Monate im Jahr im Dunkeln bleiben. Dafür gibt es Rentiere, Elche und Radiosender, die reichlich Heavy-, Dark-, Bloodmetall spielen. Und hier sind Bands wie Nightwish, The Rasmus und HIM zuhause. Zumindest etwas.

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Auf der Fläche von Deutschland leben hier nicht einmal 5,5 Mio Einwohner und Finnland ist damit das am dünnsten besiedelte Land Europas. Der Weihnachtsmann hat hier sein offizielles Büro und sogar zwei eigene Parks. Und Finnland hat wirklich viel unberührte Natur und über 188.000 Seen. Dabei ist es ganz bescheiden und nennt sich selbst nur „das Land der 1.000 Seen“. Helsinki ist die Hauptstadt mit knapp unter 600.000 Einwohnern. Und da sitze ich nun und schreibe meinen Bericht.

Ach ja, Luftschmieden und die Weltmeisterin im Luftschwertkampf. Nun ja, die Finnen haben wirklich Humor. In Anlehnung an Luftgitarrenwettbewerbe haben die Finnen  den Wettbewerb des Luftschmiedens erfunden. Es gibt einen Hammer und einen Ambos, aber kein Schmiedestück, kein Feuer und keine Hitze. Dafür gibt es Musik, zu der die Luftschmiedemeister ihr Können zeigen. Und die besten Schmiede werden natürlich mit Preisen geehrt. Nun denn. Was es nicht alles gibt.

Kirsten Kö. ist Tierärztin und Kämpferin aus Kellinghusen. Und sie zog nach Finnland, war bei dem Luftschmieden-Festival und hatte dabei so viel Spaß, dass sie spontan beschloss, dort eine Luft-Schwertschaukampf-Nummer zu zeigen. Sie holte ihr Schwert aus dem Auto, bat um Musik und wollte schon loslegen, als sie von einen Organisator aufgehalten wurde:

- Es handelt sich hier um ein Luft-Festival, da brauche sie kein Schwert.
- Der Gegner ist aus Luft. Das müsse reichen.
Dann durfte sie loslegen. Wie gut, dass Kirsten eigentlich immer schlagfertig ist.

Und sie gewann…
Sie ist nun Weltmeisterin im Luftschwertkampf.
Kein Wunder, sie war die einzige Teilnehmerin. Manchmal muss man halt zur rechten Zeit am rechten Ort sein.

Und dabei lernte sie über Umwege Ritta und Markku kennen, die in Autti/Finnland ein mittelalterliches Restaurant betreiben. Kirsten erzählte von SSK, die Einladung wurde ausgesprochen, Termine wurden gemacht, und nun bin ich in Finnland und warte auf meinen Rückflug nach Hamburg.

Am Donnerstag (18.11.2010) sind 10 Schwerter per UPS auf die Reise gegangen und am Freitag den 26.11.2010 stieg ich mittags in die Finnair-Maschine nach Helsinki, um von dort nach Rovaniemi weiterzufliegen. Dort ist tatsächlich der offizielle Sitz vom Weihnachtsmann.

Ich habe keine Ahnung, was die Finnen beim Flug in den Flugzeugen versprühen. Es machte mich auf jeden Fall bei beiden Flügen unglaublich müde. Ich verschlief beim Hinflug zweimal den Start! Und beim zweiten Flug wachte ich kurz vor der Landung auf und war so verwirrt, dass ich nicht sagen konnte, ob wir noch auf der Rollbahn stehen oder schon in der Luft sind. Kurzum, die Flüge waren traumhaft.

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Kirsten holte mich beim Flughafen in Rovaniemi ab, einer Stadt, die direkt auf dem Polarkreis liegt.  Wir fuhren nach Autti zu Ritta und Markku und wurden auf der Fahrt von minus 30 Grad und im Haus von vielen Hunden und Katzen überrascht.

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Und sie überraschten mit einer riesigen nordisch eingerichteten Halle, welche sicherlich mal zu einem Teil eines Restaurants werden sollte. Nach reichlich Glöggi (Glühwein, der von außen eher an Kamillentee erinnert, aber durchaus süchtig machen kann) ging es in die Betten. Bei den Minusgraden mussten sogar die Schwerter mit ins Haus und die Automotoren mussten per Strom beheizt werden, damit sie wieder anspringen.

Nach dem Frühstück ging es in die Halle, in der der nördlichste Schwertschaukampfkurs der Welt stattfinden sollte. Ritta, Markku, ihr Sohn Sampo und (die beiden Schwiegertöchter in Spee) Mira und Heli nahmen an dem Kurs teil. Und natürlich Kirsten, die reichlich vom Deutschen ins Finnische übersetzen musste.

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Die Inhalte waren im ersten Teil genauso wie in Deutschland. Schreiten, Golfen, Kopf- und Schulterparade. Zur Mittagspause haben wir eine Sightseeing-Tour gemacht. Finnland ist so ein unglaublich schönes und kaltes Land. Wir haben zugefrorene Flüsse, eingeschneite Wege und vereiste Wälder gesehen.

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Anschließend Mittagessen in der halleneigenen Kantine inkl. ein paar Minuten ins Feuerstarren.

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Am Nachmittag gab es all die netten spannenden Showtechniken, wie Umarmen, Halbe Hand, Bodenkampf, Entwaffnungen, Schubsen und so weiter.

Ich glaube daran, dass man Bewegungen besser und leichter lernt, wenn man eine Nacht darüber schlafen kann und sie am nächsten Tag wiederholt. Also habe ich einen Teil der Techniken von Sonntag auf dem Samstag vorgezogen, in der Hoffnung, dass sie dann am Sonntag besser sitzen.

Alle waren verblüfft. Diese Vielfalt an Techniken hatte keiner erwartet. Unsere Gastgeber waren schon vom ersten Tag überrascht. Sie hatten nicht gedacht, dass sie am gesamten Wochenende so viel gelehrt bekommen, wie am ersten Tag. Ich gebe gern zu: ich habe sie auch wirklich während der gesamten Zeit, so gut ich mit meinem wenigen Englisch konnte, unter Feuer gesetzt. Entsprechend fertig waren sie auch.

Als wir am Samstag wieder bei unseren Gastgebern zuhause waren, wurden die - für Frauen und Männer getrennte - Saunen angeworfen. Ich zum ersten Mal in einer wirklichen Finnischen Sauna und dann auch noch mit Finnen. Ich habe mal gehört, dass Finnen das stundenlang aushalten können. Gott sei Dank stand im Finnischen Reiseführer, dass man keine Scheu davor haben sollte, rechtzeitig aus der Sauna raus zu gehen. Wenn man genug hat, dann hat man halt genug. OK, Markku, Sampo und ich rein in die Sauna. Und siehe da: es ging. Ehrlich gesagt, habe ich mit mörderischen 2.000 Grad gerechnet, aber mein neuer Freund Sampo meinte, dass es wahrscheinlich nur 75 Grad hätte. Dafür wurde ständig Wasser auf die Steine gegossen. Es war also immer noch heißt. Und… Markku hatte nach vielleicht 10 Minuten genug!

Ich habe einen Finnen im Saunieren besiegt! Ich bin der König der Welt! Yes. Jetzt quatschten also Sampo und ich, so gut wir beide mit unserem Englisch konnten, ungehemmt drauf los. Und – ach Du Scheiße – kam Sampo auf die Idee, bei MINUS 25 Grad nach draußen in den Schnee zu gehen. Für ihn ist das Tradition. Ich bin ein Kämpfer, ich mache das mit. Also raus aus der Sauna und aus dem Haus. Im ersten Moment ist das auch nicht wirklich kalt. Nicht in den ersten 30 Sekunden. Als Sampo sich dann auch noch in den Schnee setze und sogar hinlegte, war es für mich noch – und ich betone NOCH – etwas zu hart.

Ich floh schnell wieder in die Sauna und Sampo ermahnte mich immer wieder zur Ruhe. Ich solle lieber langsam durch den knöcheltiefen Minus 25 Grad kalten Schnee gehen. „Sampo, You are nuts“ war alles, was mir dazu einfiel.

Nach einer gewissen Aufwärmzeit ging es zum nächsten Schneebaden, oder wie ich es taufte: “Swimming in the Snow“. Es ging schon wesentlich besser. Nun lag ich auch schon im Schnee und rollte mich vom Rücken auf dem Bauch und zurück. Und ich konnte schon wesentlich langsamer wieder zurück in die Sauna gehen. Es machte mir auch nichts mehr aus, das meine Füße auf der Veranda festfroren und meine Hand am Metalltürgriff festpappte.

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Beim dritten Mal ging es noch einfacher und Sampo schlug vor, eine noch unbenutzte Stelle zu Schneebaden zu nutzen. Und beim vierten Mal konnte ich vielleicht 20 Sekunden entspannt im Schnee auf dem Rücken liegen und die Sterne betrachten. Vielleicht nicht vollkommen entspannt, aber doch etwas entspannt. Und wir beiden konnten langsam und gemütlich in aller Ruhe, mit Schnee eingerieben und mit reichlich Schnee auf dem Kopf wieder in die Sauna gehen. Das ist schon ein heroisches Gefühl, wenn erst mit der Zeit der Schnee in den Haaren schmilzt, während Du schon einige Minuten wieder in der Sauna sitzt.

Markku meinte einfach nur, als Sampo und ich beim Abendessen (Elchfilet in Rotweinsoße und anschließend einen Kochkäse mit Marmelade) saßen, dass wir doch wirklich einen Schaden haben. Markku ist ein Kind des Sommers und der Sonne. Winter wäre nichts für ihn.

Sonntag arbeiteten wir wieder in der Turnhalle: Wiederholungen, Gleiten, Abgleiten, Schwerter hoch- und wegtreten, Fallen und Bodenkampf.

Markku plant nächstes Jahr eine eigene Show zu machen und so erlaubte ich ihm ausnahmsweise, die Techniken zu filmen, damit er sich später wieder besser daran erinnern kann. Und es gab wieder neue Techniken, wie zum Beispiel das Kämpfen mit der Bratpfanne und Massenschlachtaufstellung. Die Finnen waren nach diesem zweiten Tag vollkommen erledigt.

Zum späten Nachmittag besuchten wir ein Rentiergehege. Man muss ja mitnehmen, was geht.
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Markku wollte zwei Schwerter behalten und Heli wollte das Schwert von Doreen nicht mehr aus der Hand legen. Sie hielt es immer noch fest, als wir schon längst wieder im der Haus von Ritta und Markku waren.

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Sampo musste leider zu seiner Wohnung fahren und so hatte ich in der Sauna nicht ganz so viel Spaß. Alleine ist auch das Schwimmen im Schnee eher öde..

Unsere Gastgeber überschlugen sich mal wieder mit dem Essen. Es gab Forelle und anschließend Weihnachtsgebäck und dazu reichlich Glöggi.

Nach reichlichem Dankeschön (Kiitos), kurzem Drücken und einer Einladung für das nächste Jahr ging es kurz nach Mitternacht ins Bett.

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Wir mussten um 5 Uhr wieder aufstehen, damit ich den Flug in Rovaniemi um 9 Uhr bekommen würde. Auf dem Weg zum Flughafen wollte ich unbedingt noch am Santa Claus Park vorbei fahren und ein paar Fotos für die Lieben daheim machen.

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Und nun fliege ich circa in einer halben Stunde Richtung Hamburg. Und wenn die Finnen das Betäubungsmittel wieder richtig dosieren, werde ich wieder von dem Flug nichts mitbekommen ;-) 

Vielen Dank Dir, Kirsten, für Deinen Luftschwertkampf und vielen Dank Ritta und Markku für Eure Einladung.

Mal sehen, wie das weiter geht. Vielleicht begleiten uns die Finnen auf einen Markt in Deutschland und vielleicht finden die Finnen einen EU-Topf, der die Kosten für die Reise aller Kämpfer nach Finnland finanziert. Vielleicht machten wir in Finnland die nächste Niederlassung von SSK auf. Irgendwie ist alles offen. Irgendwie ist alles möglich.

Reisen bildet und die Welt ist schon ein großartiger Fleck, um dort zu leben. Vielleicht merken das die Finnen auch, bevor sie sich die Kugel geben.

Heiko Schulze

 

PS. Die Fotos sind nun im internen Bereich online...
 

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