2010-11-26 Gedanken um Schwertschaukampf auf der Reise nach Finnland

Nun ist es also soweit: Ich sitze an Bord der Airbus-Maschine von Finnair und fliege nach Helsinki, um von dort weiter nach Rovaniemi zu fliegen. Der Tisch vor mir ist heruntergeklappt und ich tippe fleißig in mein neues Netbook. Gerade vor einer Woche gekauft und schon ist es zu einem ständigem Begleiter geworden.

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Der Himmel ist wunderschön blau und wir fliegen über weiße Wolken hinweg. Es geht zu einem Schwertschaukampf-Wochenendkurs. Nach Finnland.

Als ich vor einigen Jahren mit dem Trainieren mit dem Schwert anfing, konnte ich nicht erahnen, was da alles auf mich zukommen würde. Zunächst ging es nur darum, einige Volkshochschulen von einer Zusammenarbeit zu überzeugen. Heute bin ich der Meinung, dass der europäische Schwertschaukampf an jeder Volkshochschule und ab der 9. Klasse in jeder Schule unterrichtet werden sollte.

Ich bin nicht ausgebildet worden, ich hatte keinen "Meister", kein Vorbild, keine Ahnung. Ich hatte kein Buch oder einen Lehrfilm, nach dem ich mich richten konnte. Ich hatte nur einen Wunsch. Ich wollte auch mal mit einem Schwert kämpfen. Und das kam so:

Vor vielen Jahren, dass muss so um 1997 gewesen sein, besuchte ich zum ersten Mal einen mittelalterlichen Markt in Hohenwestedt. Es war ein nebliger kalter Tag gewesen, als ich zum ersten Mal über so einen Markt schritt. Rechts und links saßen Gewandete schwatzend und lachend an Lagerfeuern in ihren Heerlagern. Als ich an ihnen vorbei ging, standen mit einem Mal einige auf und fingen um mich herum plötzlich mit einer Massenschlacht in "Slow Motion" an. Sie bewegten sich wie im Film, der in Zeitlupe läuft. Und sie starben alle.

Nachdem auch der letzte verwundet auf dem Boden lag, standen alle wieder auf und machten die nächste kleine Massenschlacht. Und ich stand noch immer verwundert in der Mitte. Das war das Schlüsselerlebnis, das war genau der Punkt, an dem ich mir wünschte, dass ich auch mal dazu gehören möchte. Ich möchte auch mal mit einem Schwert kämpfen und Mitglied in so einer Gruppe sein. Ich will das auch.

Zunächst versuchte ich, ein Schwert zu kaufen. Weder bei Hertie, Karstadt, Horten oder Kaufhof, noch bei den Waffenhändlern konnte ich in Hamburg etwas entsprechendes finden. Also baute ich mir ein Schwert selbst. Ohne auch nur die elementarste Grundahnung davon zu haben, besorgte ich mir bei einem Eisenhändler in Stellingen entsprechend lange Stücke Stahl. Bei einer Schlosserrei ließ ich die Klingenspitze und die Angel des Schwertes sägen. Anschließend legte ich die Stahlstücke so übereinander, dass es die Grundform eines Schwertes ergab, bohrte Löcher und schnitt Gewinde. Dann schraubte ich alles fest zusammen und frässte die Köpfe der Schrauben einfach ab. Den Grif bestand aus einer Wäscheleine, welche ich dicht an
dicht um die Angel wickelte. Damit war mein erstes Schwert, "die Säge" fertig. Es wog 3,5 Kilo.

Heute, da ich nun im Flugzeug sitze und nach Finnland fliege, ist es für mich fast unglaublich, was seitdem passiert ist. Es kommt mir so lange her vor. Ist es ja auch irgendwie.

Vielleicht kennzeichnet diese kleine Geschichte mit dem Schwert mein generelles Vorgehen bei neuen Projekten. Einfach erst einmal anfangen. Mal sehen, wie weit man kommt. Ich denke nicht lange über Sachen nach. Ich erkundige mich nicht lange, spreche z. B. kaum mit Experten oder Fachleuten. Ich mache es erst einmal. Die Fragen kommen sicherlich später. Und so ist Schwertschaukampf so schnell gewachsen. Und jedes Mal, wenn ich an neue Aufgaben gehe, denke ich: Wieso kommt dieser Punkt erst jetzt? Bei einer vernünftigen Planung und Vorbereitung hätte ich daran doch schon viel früher denken müssen. Aber es ist nun mal so, wie es ist: einfach mal anfangen, einfach mal ausprobieren und dann schauen wir mal.

Zu einem Schwert gehört eine Schwertscheide und diese gehört natürlich an einen Gürtel. Ich kann Euch sagen, 3,5 Kilo an einem Gürtel merkt man schon sehr schnell. Und so trug ich mein Schwert zu jedem Mittelalterlichen Markt, den ich erreichen konnte, immer auf der Suche nach einem, der mir die ersten Schritte beim Schwertern zeigen konnte. 

Ich fragte fast bei jedem Heerlager nach: "Habt Ihr eine Ahnung vom Schwertkampf?"
Die Antwort war meist: "Na klar"
"Könnt ihr mir etwas beibringen?"
"Nein, machen wir nicht"

Nach dem ich fast 2 Jahre über die Märkte zog, hatte ich es begriffen: Alle Schwertkämpfer der alten Technik sind in einem geheimen Orden zusammengefasst. Wahrscheinlich wird derjenige getötet, der Techniken verrät. Durch einen ganz großen Zufall entdeckte ich im Drachenei, einem Fantasyladen in Hamburg eine Anzeige: Choreograf gibt Unterricht im Schwertkampf. Also nahm ich bei diesem Menschen Unterricht. Er brachte mir genau 3 Techniken bei.

Heute sind wir bei über 130 Kampftechniken. Ich brannte so sehr nach neuen Techniken, dass ich zuhause auf dem Balkon mit dem Schwert übte und mir immer wieder neue Bewegungen versuchte. Beim Unterricht probierte ich diese dann mit dem Choreografen aus und siehe da, einige Abläufe funktionierten auch tatsächlich. Der Unterricht wechselte sehr schnell. Obwohl ich den Unterricht mit 50 DM pro Treffen bezahlte, brachte ich dem Choreografen etwas bei. Als ich dann in der letzen Stunde fragte, ob er MIR fortan Geld zahlen würde, wurde der Mann unfreundlich. Schließlich wäre er der Profi. Von da an hatte ich keinen Lehrer mehr.

Ich brachte meinen Freunden ein wenig von den Techniken bei und so zogen wir damals  zu viert über die Märkte. Wer es sehen wollte, dem zeigten wir ein wenig von unserem Können.

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Ich lernte meine Frau kennen, zeugte meine liebe Tochter EVA und heiratete. Die Ehe lief nicht gut,  wir trennten uns und ich erlebte ich schrecklichste Zeit meines Lebens. Ich merkte, dass  Recht und Gesetz bei uns in Deutschland in Sachen Scheidungsrecht ein schwieriges Pflaster ist. Ich war ohnmächtig und konnte nicht verhindern, dass meine damalige Frau EVA verschleppte und mich anschließend 2mal grundlos pfändete. Ich brauchte also Geld. Und so kamen meine Freunde und ich auf die Idee, Schwertschaukampf-Kurse über Volkshochschulen anzubieten. So schrieb ich mir ein kleines Konzept zusammen und fragte bei 6 Volkshochschulen nach. Zwei der Volkshochschulen boten die Kurse nach einiger Überredung auch tatsächlich an: Pinneberg und Henstedt-Ulzburg.

Ich hatte keine Ahnung, wie man Sportkurse gibt. Ich selbst war noch in keinem Sportverein gewesen und hatte keine Ahnung von Selbstverteidigung oder Kampfsportarten. Ich fing erst einmal an. Die Fragen würden schon später kommen.

Zum Glück hatte ich damals schon ein ziemlich sicheres Auftreten, auch wenn ich vollkommen ahnungslos war. Und so kam der erste Wochenend-Kurs über 18 Zeitstunden. Insgesamt waren 7 Teilnehmer gemeldet und ich hatte nur 3 Schwerter. Heute habe ich ca. 35 Schwerter.

Als alle Kursteilnehmer vor mir in der Turnhalle saßen, erzählte ich von den Anfängen, von dem ersten Markt und von dem Choreografen, so wie ich es auch heute  noch in den Kursen mache. Und ich brachte ihnen all meine Techniken bei. Anfangs hatte ich Angst, dass die Leute meine Unsicherheit entdecken würden oder  sich dann weigern würden, die Techniken anzuwenden. Sicherlich würden die Leute mich dann auslachen. Aber als ich die ersten dunklen Schweißflecken auf den T-Shirts sah, fiel alle Furcht ab. Nach dem ersten Kurstag kam ich nach Hause und setze mich an den Küchentisch. Ich konnte vor Erschöpfung kaum noch die Augen aufhalten. Am nächsten Tag waren alle Teilnehmer wieder im Kurs. Und so machten wir weiter. Es hat höllisch viel Spaß gemacht. Und ich wurde ein wenig süchtig, weitere Kurse zu geben.

Ein Freund kam in den dritten Kurs mit und wollte fortan auch solche Kurse geben. Wir gaben gemeinsam das Training und entwickelten nebenbei einen Kursfahrplan, der auch noch heute gilt. Und der Pool der Techniken wuchs ständig.

Nebenbei bildete ich weitere Trainer aus, die dann selbständig Kurse an Volkshochschulen gaben. Insgesamt haben wir schon mit 26 Volkshochschulen zusammengearbeitet. Das ist schon ziemlich beeindruckend, da viele erst noch lange überzeugt werden mussten, bis sie den Kurs anboten.

Die ersten Kurse für Fortgeschrittene wurden in Pinneberg und wenig später auch in Kellinghusen angeboten. Und nun sind es schon 5 Fortsetzungskurse: Pinneberg, Bergedorf, Kellinghusen, Flensburg und Elmshorn.

2007 waren wir auf dem mittelalterlichen Markt in Norderstedt und Johannes Faget fragte uns, ob wir Interesse hätten, die Fogelvreien über den gesamten Sommer zu begleiten. Das war schon fast wie ein Adelstitel.

2008 hatten wir die ersten Zelte und 2010 waren wir mit 22 Zelten und über 100 Kämpfern in Hohenwestedt.

Aber auch im Ausland sind wir bekannt geworden. Ich kann über die Internetseite sehen, aus welchem Land die meisten Abfragen kommen. Und in einem Monat war ein unglaublich hoher Traffik aus Russland festzustellen. Wenig später kam auch die Anfrage aus Krasnojarsk, ob wir Interesse hätten, dort eine Woche lang ein Seminar über historisches Fechten zu geben. Leider wurde daraus nichts, da ihnen in letzter Minute scheinbar das Geld ausging. 2010 fragte Hermannstadt aus Rumänien an und wir reisten wirklich mit 36 Kämpfern dorthin und zeigten unsere Kunst.

Und jetzt sitze ich inzwischen auf dem Flughafen in Helsinki und warte auf den Anschlussflug.

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Eine Kämpferin aus Kellinghusen ist nach Finnland gezogen und vermisste den Schwertschaukampf. Auf der Suche nach weiteren Kämpfern in Finnland ist sie von den Finnen derart verhauen worden, dass sie nun keine Lust mehr hat, mit den Finnen zu kämpfen; es sei denn, sie können gemäß SSK kämpfen. Finnland scheint ein großes Interesse am Mittelalter zu haben. So gibt es hier zum Beispiel auch mittelalterliche Restaurants, die Wiesen für Märkte anbieten.

Und genau so ein Restaurantbesitzer hat die Organisation eines solchen Kurses übernommen. Und so sitze ich hier auf dem Flughafen.

Insgesamt waren wir schon 5 Mal im Fernsehen, über 45mal wurden wir in öffentlichen Medien (Zeitung, Internetseiten) erwähnt und werden regelmäßig von den Quartalsnörglern angemacht. "Die kämpfen ja gar nicht richtig", ist der dauernde Vorwurf. Wir hätten ja gar keine Ahnung von dem historischen Fechten.

Stimmt ja auch. Das behauptet ja keiner. Wir machen halt SchwertSCHAUkampf und sehen zu, dass wir am nächsten Tag wieder unverletzt und mit leuchtenden Augen zur Arbeit gehen können. Sicherheit geht einfach über alles. Was mich aber entspannt: kein Kursteilnehmer hat jemals über Langeweile geklagt. Und wenn die Quartalsnörgler den Mut hätten, erst einmal SSK auszuprobieren und sich dann ein Urteil zu bilden, dann hätten wir wahrscheinlich gar keine Kritik mehr.

Es gibt einen Schwertkampf-Buchautor (Herbert Schmidt), der sich mal sehr positiv über uns geäußert hat. Wir machen dass, wie wir heißen und wenn er nicht so weit weg wohnen würde, dann würde er gern mal einen Kurs von uns besuchen. Hiermit bist Du herzlich eingeladen.

Ein besonderer Kursteilnehmer hat insgesamt schon 5 Schwertkampfvereine getestet und uns ein schönes Kompliment gemacht. Wir sollen den sichersten und am leichtesten zu erlernenden Kampfstil haben. Vielen Dank dafür.

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Schwertschaukampf ist noch lange nicht am Ende angekommen. Ich will, dass SSK eine feste Größe in der Mittelalterszene wird. Und ich möchte, dass wir bei großen Filmprojekten für die Kampfszenen angesprochen werden. Und letztendlich möchte ich einen Anruf aus Babelsberg oder gar Hollywood. Welch andere Gruppe trainiert jede Woche schon ca. 120 aktive Kämpfer mit dem Schwert.

Und wir haben Freunde in der Szene gewonnen. Die Familie Schnackenbeck mit ihrem Mittelalterverleih (www.mittelalterverleih.de) zum Beispiel. Vielleicht werden wir zusammen DER Ansprechpartner für Filme mit mittelalterlichen Inhalten. Wer weiß das schon?

2011 möchte ich Kontakt zu den großen Filmagenturen aufnehmen, wieder mit der Schule ins Ausland reisen und vielleicht dem großen Ziel etwas näher kommen: Die eigene Burg. Aber dazu später mehr.

Bis dahin warte ich immer noch auf den Anschlussflug nach Rovaniemi, einer Stadt, die genau auf dem Polarkreis liegt. Es wird die nördlichste Stadt sein, in der Schwertschaukämpfer leben. Wie geil ist das denn?

Eurer Heiko Schulze

 

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