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2016-08-24 Hamburger Abendblatt - Echte Haudegen? Ja – doch nur zur Schau!

Ein Harburger,ein Jesteburger und ein Buchholzer teilen die Leidenschaft für mittelalterlichen Kampf mit dem Schwert

von Martina Berliner

HARBURG :: Oliver Bocian verengt die Augen zu Schlitzen, bleckt die Zähne, reißt das Schwert hoch und lässt die Klinge über seinem behelmten Kopf durch die Luft sausen. „Uaaah!“ Er springt vorwärts und übertönt mit lautem Gebrüll das Rasseln seiner fleckenlos glänzenden Rüstung. „Der tut nichts, der will nur spielen“, kommentiert sein Freund Thomas Haupt trocken die Attacke.

Tatsächlich mimen beide liebend gern blutrünstige Haudegen von anno dazumal –bei Mittelaltermärkten und anderen Großveranstaltungen, die eindrucksvolles Spektakel verlangen. André Veldhues, der Dritte im Bunde, war kürzlich beim großen Auftritt in Eisen gerüsteter Schaukämpfer beim Heavy-Metal-Festival in Wacken dabei. Alle drei Männer sind Eleven der „Schule für Mittelalterlichen Schaukampf“, die mehrere Niederlassungen in Schleswig-Holstein, eine in Hamburg-Bergedorf und eine im niedersächsischen Agathenburg hat. André Veldhues unter-richtet Hamburger Wasserschutzpolizisten und fährt von seiner Wohnung in Harburg allwöchentlich zum Schwert-Training nach Bergedorf. Für ihn ist es die schönste Art, den Alltag hinter sich zu lassen, den Körper zu kräftigen und das Reaktionsvermögen zu schulen.

Oliver Bocian aus Lüllau und Thomas Haupt, der in Steinbeck lebt, sind Geologen und besuchen gemeinsam eine Pinneberger Turnhalle, um sich im Umgang mit der mittelalterlichen Waffe zu üben. Beim Schaukampf liege die Betonung auf „Schau“, nicht auf „Kampf“, erklärt Thomas Haupt. „Es geht nicht darum, jemanden zu besiegen. Das Schwertduell soll vor allem schön aussehen.“ Sein 18-jähriger Sohn und die 15-jährige Tochter haben beide ebenfalls ihre Kampfausweis-Prüfung in dieser ungewöhnlichen Disziplin abgelegt.

Gekämpft wird frei, nicht nach fes-ter Choreografie wie in Mantel-und-Degen-Filmen. Die Partner –man spricht bewusst nicht von Gegnern –müssen deshalb sehr sensibel auf ihr Gegenüber reagieren. Je geübter beide sind, desto rascher und präziser folgen Angriffs-und Verteidigungsschläge aufeinander und bilden idealerweise einen harmonischen Bewegungsfluss. „Ich finde, Schwert-Schaukampf lässt sich am ehesten mit Tanzsport vergleichen“, sagt Thomas Haupt, der seinen Grundkursus vor fünf Jahren bei der Buxtehuder Volkshochschule absolviert und in zwischen schon in verschiedenen Rollen bei Mittelalter-Shows mitgewirkt hat.

„Auch wenn es auf den ersten Blick anders aussehen mag unser Schau-kampf eignet sich überhaupt nicht als Ventil zum Ablassen aufgestauter Aggressionen. Man muss sehr konzentriert bei der Sache sein“, bestätigt André Veldhues. Neben Kampf-Sport und Schauduellen schätzen die drei Freunde das Flair von Mittelaltermärkten. „Die gelebte Gemeinschaft, das Schlafen im Zelt, das abendliche Singen von altem Liedgut. Es ist ein bisschen wie bei den Pfadfindern, nur dass die meisten Mittelalterfans nicht mehr so jung sind“, sagt André Veldhues (44). Der 50-jährige Thomas Haupt steht dazu, als Erwachsener einen klassischen Jungen-Traum zu realisieren. Er lebt das Rittertum mit akademischer Detailversessen-heit, besitzt ein Regal voller Fachlitera-tur über das Mittelalter und einen Schrank voller Gewänder mit beträchtlichem Wert. Alle hat er nach historischem Vorbild und Original-Schnittmustern selbst genäht, allerdings ganz unzeitgemäß mit der Maschine. „Die Beschaffung geeigneter Stoffe und vor allem polyesterfreien Garns ist schon so zeitraubend“, seufzt er.

Heute stellt er einen Adligen aus dem 13. Jahrhundert dar. Einen Pilger, wie das Jerusalemkreuz auf dem blauseidenen Überwurf zeigt. Von den selbstgemachten Lederschuhen bis zur „Surcotte“, der wadenlangen wollenen Tunika für Ritter, entspricht alles haargenau der Epoche, die er verkörpert.

„Ich trage ein 17 Kilogramm schweres Kettenhemd aus gestanzten und vernieteten Ringen. Rüstungen wie Renaissance-Ritter sie um 1480 hatten“ –er weist auf Oliver Bocian –„gab es zu mei ner Zeit noch nicht“. Lange Hosen auch nicht. „Meine Beinlinge habe ich an den Nestelbändern der Bruche, der mittelalterlichen Unterhose, befestigt. Daher kommt übrigens der Ausdruck ‚nesteln‘ für herumfummeln.“ Die Freunde sind froh, in der heutigen Zeit zu leben André Veldhues ist mit seiner langen Kutte viel einfacher gekleidet als Thomas Haupt. Er stellt nämlich einen Mönchskrieger dar. „Ende 12. Jahrhundert. Deutscher Orden.“ Er zeigt auf seine Brust. „Den habe ich gewählt, weil das Kreuz einfach zu nähen und das helle Gewand im Sommer nicht so warm ist wie das dunkle der Malteser. Erst später habe ich mich über den Deutschen Orden informiert. Die Brüder waren ziemlich unsympathisch. Im Osten Europas
haben sie mit Gewalt eine Art Gottesstaat gegründet.“

Oliver Bocian und Thomas Haupt nicken bestätigend. So fern erscheint das Mittelalter manchmal gar nicht. Dennoch: Es liegt den Freunden fern, das dunkle Zeitalter zu verherrlichen. Jeder von ihnen ist froh, dass er im hier und jetzt lebt. Sonst wären der Mönchskrieger, der adlige Pilger und der Renaissance-Ritter einander ja auch nie begegnet und hätten die Schwerter nicht miteinander kreuzen können. Zum Spaß, versteht sich.

An der Volkshochschule Harburg findet am Wochenende 19./20. November je 10 bis 16 Uhr ein Grundkursus für Schwertschaukampf statt. www.schwertschaukampf.de

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